Checkliste Arbeitszeit

Checkliste Einführung flexible Arbeitszeit (TVöD)

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Arbeitsrecht, Arbeitszeit

Phase 1: Analysephase

Feststellung der betriebsspezifischen Gründe für flexible Arbeitszeitmodelle, getrennt aus Sicht der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Die genaue Analyse der Gründe ist v.a. wichtig für die Auswahl des geeigneten Arbeitszeitmodells, für die Akzeptanz der Arbeitszeitregelung sowie für ihre praktische Effektivität.

1. Mögliche Gründe aus Arbeitnehmersicht

  • Wunsch nach mehr Zeitsouveränität
  • Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und Selbstentfaltung
  • Berücksichtigung individueller Bedürfnisse und Vorstellungen hinsichtlich Arbeit, Familie, Freizeit, Bildung
  • Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  • Pflegebedarf für Kinder und/oder Angehörige
  • Geringere Arbeitsbelastung
  • Steigende Zufriedenheit im Berufs- und/oder Privatleben
  • Umgehung von Verkehrsproblemen
  • Anpassung der Arbeitszeit an Fahrzeiten öffentlicher Verkehrsmittel

2. Mögliche Gründe aus Arbeitgebersicht

  • Entkopplung der Arbeitszeit von der Betriebszeit
  • Erweiterung der Produktionssouveränität
  • Verlängerung der Öffnungs- oder Ansprechzeiten
  • Verlängerung der Maschinenlaufzeiten
  • Vergrößerung der Service-Angebote (Servicezeiten)
  • Kostengünstigere Ausnutzung kapitalintensiver Anlagen
  • Kompensation unregelmäßiger Nachfragen
  • Kompensation unregelmäßiger Absatzschwankungen
  • Anpassung der Beschäftigung an Markt und Nachfrage
  • Anpassung an den betrieblichen Arbeitsbedarf
  • Kostenentlastung durch Wegfall von Überstundenzuschlägen
  • Verbleib bewährter Mitarbeiter
  • Geringere Fluktuation der Beschäftigten
  • Bedarf für Vollzeitkräfte/Teilzeitkräfte
  • Belastungsgerechter Personaleinsatz
  • Geringere Fehlzeiten
  • Steigende Arbeitsmotivation
  • Mehr Arbeitsproduktivität und Arbeitsqualität
  • Bessere Position am Arbeitsmarkt
  • Besseres Firmenimage
  • Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit

Stehen die Gründe fest, so muss in der Analysephase weiterhin jeder Betrieb sein spezifisches „Flexibilisierungspotenzial“ individuell ermitteln.
Hierzu ist insbesondere erforderlich:

  • Detaillierte Aufgabenanalyse des Betriebes, d.h. Feststellung der Tätigkeiten und ihre zeitliche Struktur.
  • Feststellung des zu bewältigenden Arbeitszeitvolumens und dessen zeitliche Verteilung.
  • Auswahl eines bestimmten Arbeitszeitmodells (ggf. getrennt nach Vollzeit und Teilzeit) – siehe dazu auch Phase 2. Hier sind v.a. folgende Faktoren relevant: Tarifliche Rahmenbedingungen, Branche, technische und ökonomische Situation, Qualifikationsgrad der Führungskräfte und der Mitarbeiter, Familienstand, Kinderzahl, Alter der Beschäftigten, Entfernung zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, verkehrsmäßige Anbindung. Entscheidend ist hier, die betrieblichen Interessen und die Interessen der Beschäftigten gerecht abzuwägen mit dem Ziel, die unterschiedlichen Interessen so weit wie möglich zur Deckung zu bringen.

Beachte:
Die Analysephase muss eine exakte abteilungsbezogene, ggf. sogar arbeitsplatzbezogene Arbeitsanfallanalyse beinhalten – das A und O der Einführung flexibler Arbeitszeitsysteme. Nur so lassen sich sachgerechte Grundlagen für flexible Arbeitszeiten ermitteln. Schließlich muss Klarheit bestehen hinsichtlich der individuellen Wünsche der Beschäftigten, die mit den Ergebnissen der Arbeitsanfallanalyse abzugleichen sind.

Die Analysephase umfasst ferner eine sogenannte Personalverfügbarkeitsanalyse. Möglicherweise ergibt sich danach, dass hinsichtlich der Einführung neuer flexibler Arbeitszeitsysteme gar kein Regelungsbedarf besteht. Gegebenenfalls kann die Personalverfügbarkeit durch einfache rollierende Arbeitszeitsysteme bzw. Schichtsysteme gesteuert werden.

Phase 2: Umsetzungsphase

Steht fest, dass ein flexibles Arbeitszeitsystem Sinn macht, ggf. sogar notwendig erscheint, so ist das entsprechende System, das in der Analysephase ausgewählt wurde, betrieblich umzusetzen. Umsetzung bedeutet primär Gestaltung bzw. Ausgestaltung des Systems unter Berücksichtigung der tarifrechtlichen, betriebsverfassungsrechtlichen, gesetzlichen und arbeitsvertraglichen Rahmenvorgaben und unter Beachtung der Analyseergebnisse aus Phase 1.

Zur konkreten Umsetzung/Ausgestaltung des flexiblen Arbeitszeitsystems sind folgende Zeitwerkzeuge zu verwenden – anders ausgedrückt handelt es sich hier um die sogenannten „Stellschrauben“ zur Flexibilisierung der Arbeitszeit:

  • Volumen und Menge der Arbeitszeit
  • Verteilung der Menge der Arbeitzeit
  • Lage der verteilten Arbeitszeit
  • Länge der verteilten Arbeitszeit

Letztlich geht es zusammengefasst um zwei wesentliche Faktoren, die im Zentrum der Umsetzung/Ausgestaltung flexibler Arbeitszeitsysteme stehen:

– Dauer der Arbeitszeit              (Stellschraube a und d)

– Lage der Arbeitszeit                (Stellschraube b und c)

Die Umsetzung/Ausgestaltung findet innerhalb der Normenhierarchie des Arbeitrechts statt – diese Normenhierarchie ist sozusagen der rechtliche Rahmen für das betriebliche Arbeitszeitsystem. Die Umsetzung/Ausgestaltung der flexiblen Arbeitszeitsysteme wird konkret durch diesen Rahmen bestimmt. Der Rahmen ist insbesondere durch folgende Normensysteme und Normen gekennzeichnet (Checkliste rechtliche Rahmenvorgaben):

1. Gesetzliche Ebene

  • ArbZG (Höchstarbeitszeit 8 bzw. 10 Stunden/Werktag)
  • ArbZG (Ruhepausen 30 bzw. 45 Minuten)
  • ArbZG (Ruhezeit grundsätzlich 11 Stunden)
  • § , TzBfG (Teilzeitarbeit)
  • TzBfG (Arbeit auf Abruf)
  • TzBfG (Arbeitsplatzteilung)
  • MuSchG (Verbot von Mehr-, Nacht- und Sonntagsarbeit)
  • JArbSchG (Höchstarbeitszeit 8 bzw. 40 Stunden/Tag/Woche)
  • § ff JArbSchG (besondere Arbeitszeitschutzvorschriften)

2. Tarifrechtliche Ebene

Tarifvertragliche Rahmenvorgaben, z.B. §§  bis TVöD

3. Betriebsverfassungsrechtliche Ebene

Mitbestimmungsrechte Betriebsrat/Personalrat

  • Nr. 2, 3, 6 BetrVG
  • BetrVG
  • Nr. 1, 17 BPersVG
  • BPersVG

4. Arbeitsvertragliche Ebene

5. Individuelle Arbeitsvertragsklauseln

6. Zur Ausgestaltung stehen folgende Arbeitszeitmodelle zur Verfügung:

  • Kurzarbeit
  • Überstundenarbeit
  • Teilzeitarbeit
  • Altersteilzeitarbeit
  • Arbeitsplatzteilung (Job-Sharing)
  • Arbeitszeitkorridor
  • Schichtarbeit
  • Nacht-, Samstags-, Sonntags-, Feiertagsarbeit
  • Gleitende Arbeitszeit
  • Jahresarbeitszeit
  • Lebensarbeitszeit
  • Vertrauensarbeitszeit
  • Amorphe Arbeitszeit
  • KAPOVAZ
  • Arbeit auf Abruf

7. Arbeitszeitkonten

Im Zweifel sollte die Umsetzung/Ausgestaltung stets zweiteilig stattfinden:

Teil 1: Rahmenregelung Betriebsvereinbarung/Dienstvereinbarung

Teil 2: Individualarbeitsrechtliche Vereinbarungen/Anweisungen

Phase 3: Betriebsphase

  • Inkrafttreten der kollektivrechtlichen/individualrechtlichen Vereinbarungen
  • Begleitung von Pilotprojekten
  • Organisation
  • Regelmäßige Zusammenarbeit der Betriebs- und Arbeitsvertragsparteien
  • Regelmäßige Kontrolle der betrieblichen Systeme
  • Anpassung der betrieblichen Systeme
  • Änderung und Verbesserung der betrieblichen Systeme
  • Vereinbarung neuer betrieblicher Systeme
  • Verbindung mit anderen betrieblichen Arbeitszeitsystemen
  • Veränderung betrieblicher Strukturen
  • Umgang mit Störfällen und Konfliktfällen
  • Betriebliches Beschwerde- und Schlichtungsverfahren
  • Betriebliches Zeitmanagement
  • Betriebliches Konfliktmanagement